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Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen: geht das?

Von Stefan RothAktualisiert am 10. Februar 20267 Min. Lesezeit

Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen: was wirklich geht, wo die Fallen liegen und welche Alternativen dir bei Vorerkrankungen bleiben.

Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen: geht das?
Inhaltsverzeichnis
  1. Warum die Fragen überhaupt da sind
  2. Die eine echte Ausnahme, und ihr Haken
  3. Vereinfachte Gesundheitsfragen: Wo liegt der Unterschied?
  4. Was wirklich ohne neue Prüfung geht: die Nachversicherung
  5. Die Optionen im direkten Vergleich
  6. Was tun, wenn du schon eine Vorerkrankung hast?
  7. Vorsicht bei den vermeintlichen Alternativen

Die häufigste Hoffnung, mit der jemand bei mir im Termin sitzt, klingt so: “Herr Roth, gibt es nicht irgendeine BU, bei der ich diese ganzen Fragen nicht beantworten muss?” Meistens steckt dahinter ein Rücken, eine Therapie vor drei Jahren oder ein Antrag, der schon einmal abgelehnt wurde. Die ehrliche Antwort ist unbequem, aber sie spart am Ende viel Geld und Ärger.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen, die deinen Beruf absichert und gleichzeitig komplett auf die Gesundheitsprüfung verzichtet, gibt es bei seriösen Anbietern so gut wie nicht. Wer das verspricht, verkauft fast immer etwas anderes als das, was du eigentlich willst. Trotzdem ist die Lage nicht hoffnungslos, und genau darum geht es hier.

Warum die Fragen überhaupt da sind

Der Versicherer kalkuliert dein Risiko. Je höher die Wahrscheinlichkeit, dass du tatsächlich berufsunfähig wirst, desto teurer wird dein Beitrag oder desto eher sagt er ab. Das ist kein böser Wille, sondern das Geschäftsmodell. Würde ein Anbieter die Gesundheit komplett ignorieren, kämen genau die Leute zuerst, die wissen, dass sie krank sind. Der Beitrag müsste für alle drastisch steigen, um diese Fälle aufzufangen.

Das nennt sich Antiselektion, und sie ist der Grund, warum ein gesunder 28-Jähriger heute für eine BU mit 1.500 Euro Monatsrente oft zwischen 45 und 70 Euro im Monat zahlt, während eine pauschale BU ohne jede Prüfung locker das Doppelte kosten würde. Die Gesundheitsprüfung schützt also auch dich, wenn du gesund bist.

Die eine echte Ausnahme, und ihr Haken

Es gibt tatsächlich ein Produkt, das ganz ohne Gesundheitsfragen auskommt: die Vorsorge-BU der LV 1871. Sie wird oft als Beweis genannt, dass es doch geht. Nur sichert sie nicht dein Einkommen, sondern übernimmt im Leistungsfall die Beiträge für deine Altersvorsorge. Du bekommst also keine Rente von 1.500 Euro, sondern der Versicherer zahlt weiter in deinen Sparvertrag ein, während du berufsunfähig bist.

Dazu kommt eine Wartezeit von rund drei Jahren, in der noch nichts gezahlt wird. Für einen jungen Menschen in der Ausbildung, der heute schlicht keine vollwertige BU bekommt, kann das ein Einstieg sein. Als Ersatz für echten Einkommensschutz taugt es nicht. Ich nenne es lieber beim Namen, damit niemand sich in falscher Sicherheit wiegt.

Vereinfachte Gesundheitsfragen: Wo liegt der Unterschied?

Hier passiert in der Praxis das größte Missverständnis. Viele Anbieter werben mit “vereinfachten” oder “verkürzten” Gesundheitsfragen, und das wird gern als “fast ohne Fragen” gelesen. Das ist es nicht. Wer verstehen will, welche Fragen konkret gestellt werden und wie man sie korrekt beantwortet, findet eine ausführliche Erklärung im Artikel über Gesundheitsfragen bei der Berufsunfähigkeitsversicherung richtig beantworten.

Vereinfacht heißt: Statt zehn Jahren werden oft nur die letzten drei abgefragt, und es geht nur um schwere Sachen wie stationäre Behandlungen oder bestimmte Diagnosen. Eine Bagatelle, die fünf Jahre zurückliegt, fällt damit unter den Tisch. Was du angibst, muss aber zu hundert Prozent stimmen. Wer hier schummelt, weil die Frage ja “vereinfacht” klang, riskiert im Leistungsfall die vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung. Dann zahlt der Versicherer nicht, und der ganze Schutz war umsonst.

Typische Konstellationen, in denen vereinfachte Fragen angeboten werden:

  • junge Leute bis etwa 35 Jahre
  • bestimmte akademische Berufsgruppen wie Ärzte, Juristen oder Ingenieure
  • Mitglieder von Verbänden oder Berufskammern
  • Aktionen über Arbeitgeber oder Hochschulen

Der Beitrag liegt dabei meist 20 bis 40 Prozent über dem einer normal geprüften BU. Für jemanden mit sauberer Akte ist das rausgeworfenes Geld. Für jemanden mit einer Vorgeschichte, die bei der vollen Prüfung Probleme macht, ist es oft die einzige bezahlbare Tür.

Was wirklich ohne neue Prüfung geht: die Nachversicherung

Der unterschätzte Weg läuft über die Nachversicherungsgarantie. Wer einmal eine BU mit normaler Gesundheitsprüfung abgeschlossen hat, darf die Rente später zu bestimmten Anlässen erhöhen, ohne dass noch einmal nach der Gesundheit gefragt wird. Heirat, Geburt eines Kindes, Gehaltssprung, Hauskauf, abgeschlossenes Studium, das sind die typischen Auslöser.

In der Praxis heißt das: Schließe früh ab, als du noch gesund warst, und du sicherst dir das Recht, bei der Bandscheiben-OP mit 40 trotzdem mehr Schutz zu bekommen. Genau deshalb sage ich jedem Studenten und Azubi, der mir über den Weg läuft, dass der frühe Abschluss der eigentliche Trick ist. Die Gesundheitsfragen umgeht man nicht später, man umgeht sie, indem man sie früh stellt, solange die Antworten leicht fallen.

Die Optionen im direkten Vergleich

Variante Gesundheitsfragen Sichert Einkommen? Typischer Mehrpreis Für wen sinnvoll
Klassische BU volle Prüfung, 5 bis 10 Jahre ja Basis gesunde Menschen, früher Abschluss
Vereinfachte Fragen kurz, oft 3 Jahre ja rund 20 bis 40 % mehr leichte Vorgeschichte, junge Berufseinsteiger
Kollektiv über Arbeitgeber teils gar keine ja, oft gedeckelt je nach Vertrag Angestellte mit Firmenangebot
Vorsorge-BU (LV 1871) keine nein, nur Beiträge eigene Logik Notlösung bei Ablehnung
Nachversicherung keine erneuten ja, Erhöhung kein Aufschlag wer schon eine BU hat

Die Tabelle macht den Punkt, den die großen Versicherer-Seiten meistens verschweigen: “Ohne Gesundheitsfragen” und “sichert mein Einkommen ab” schließen sich in fast allen Fällen gegenseitig aus. Sobald echter Einkommensschutz dabei ist, kommen die Fragen zurück, in der einen oder anderen Form.

Was tun, wenn du schon eine Vorerkrankung hast?

Wenn du eine Vorerkrankung hast, ist der beste erste Schritt eine anonyme Risikovoranfrage über einen unabhängigen Berater — so vermeidest du Ablehnungen, die in der Branchendatei gespeichert werden. Das ist der Fall, der mich am meisten beschäftigt, weil hier die meisten Fehler passieren. Der häufigste lautet: Jemand füllt online einen Antrag aus, wird wegen der Diagnose abgelehnt, und stellt frustriert beim nächsten Versicherer noch einen Antrag. Beide Ablehnungen landen in einer brancheninternen Datei (dem Hinweis- und Informationssystem der Versicherer). Ab da wird es noch schwerer.

So gehst du stattdessen vor:

  1. Keinen weiteren normalen Antrag stellen, sobald eine Ablehnung im Raum steht.
  2. Eine anonyme Risikovoranfrage machen lassen. Dein Berater schickt deine Diagnosen ohne deinen Namen an mehrere Versicherer und fragt, wie sie das bewerten würden.
  3. Die Rückmeldungen vergleichen. Oft sagt einer Nein, ein anderer macht einen Beitragszuschlag, ein dritter schließt nur die betroffene Körperregion aus und versichert den Rest normal.
  4. Erst dann beim besten Anbieter einen echten Antrag stellen.

Ich hatte einen Fall mit einer abgeklungenen Depression vor sechs Jahren. Drei Versicherer hätten direkt abgelehnt. Einer hat nach der anonymen Voranfrage einen vollwertigen Vertrag mit einem Zuschlag von etwa 35 Prozent angeboten. Ohne den Umweg über die Voranfrage wäre der Mann heute komplett ohne Schutz. Dieser Weg kostet ein paar Wochen Geduld, und er ist fast immer mehr wert als jede Suche nach einer BU ohne Fragen. Wie man in solchen Fällen konkret vorgeht, erkläre ich ausführlich im Beitrag Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Vorerkrankungen abschließen. Speziell zu psychischen Erkrankungen findest du außerdem Details im Artikel Berufsunfähigkeitsversicherung bei Depression.

Vorsicht bei den vermeintlichen Alternativen

Wenn die BU partout nicht klappt, tauchen schnell andere Produkte auf, die nach Lösung klingen. Eine Grundfähigkeitsversicherung oder eine Dread-Disease-Police hat oft mildere oder gar keine Fragen. Sie zahlt aber nur bei klar definierten Ereignissen, etwa dem Verlust einer bestimmten Fähigkeit oder einer schweren Krankheit aus einer festen Liste. Genau die Volkskrankheit, die heute die meisten BU-Fälle auslöst, nämlich psychische Erkrankungen, ist dort meistens nicht oder nur schwach abgedeckt.

Das ist kein Betrug, diese Produkte haben ihren Platz für Handwerker, die sonst gar nichts bekommen. Sie sind nur kein gleichwertiger Ersatz. Wer eine Grundfähigkeitsversicherung als “BU ohne Gesundheitsfragen” verkauft bekommt, sollte sehr genau nachfragen, was im Leistungsfall wirklich gezahlt wird. Einen strukturierten Überblick über alle echten Alternativen bietet der Artikel Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung.

Wer wissen will, wie hoch die tatsächliche Wahrscheinlichkeit ist, im Laufe des Berufslebens berufsunfähig zu werden, findet dazu aktuelle Zahlen bei der Deutschen Rentenversicherung. Unabhängige Einschätzungen zu Versicherungsprodukten bietet außerdem die Verbraucherzentrale.

Ein letzter, ganz praktischer Rat: Bevor du irgendwo etwas unterschreibst, fordere bei deinen behandelnden Ärzten deine Patientenakte an und lies sie selbst. Viele Anträge scheitern nicht an einer echten Krankheit, sondern an einer schlampig formulierten Verdachtsdiagnose, die nie bestätigt wurde. Wer das vorher klärt, beantwortet die Gesundheitsfragen sauber und braucht die Suche nach dem Schlupfloch gar nicht erst.

Häufige Fragen

Gibt es eine Berufsunfähigkeitsversicherung ganz ohne Gesundheitsfragen?+

In der klassischen Form praktisch nicht. Es existiert die Vorsorge-BU der LV 1871 ganz ohne Fragen, sie sichert aber nur deine Versicherungsbeiträge, nicht dein Einkommen. Echten Einkommensschutz bekommst du nur über vereinfachte Fragen, Kollektivverträge oder eine Nachversicherung.

Was ist der Unterschied zwischen vereinfachten Gesundheitsfragen und gar keinen?+

Vereinfachte Fragen sind kürzer und fragen oft nur drei statt zehn Jahre ab. Du musst sie aber trotzdem wahrheitsgemäß beantworten, sonst verlierst du den Schutz im Leistungsfall. Ganz ohne Fragen heißt, dass die Gesundheit überhaupt keine Rolle spielt, das gibt es fast nur in Gruppenverträgen über den Arbeitgeber.

Was mache ich, wenn ich wegen einer Vorerkrankung abgelehnt wurde?+

Auf keinen Fall einen weiteren normalen Antrag stellen, jede Ablehnung wird gespeichert. Lass deinen Berater anonyme Risikovoranfragen bei mehreren Versicherern machen. Oft findet sich ein Anbieter, der dieselbe Diagnose nur mit Zuschlag oder Ausschluss bewertet statt mit Nein.

Lohnt sich eine BU mit vereinfachten Fragen trotz höherem Beitrag?+

Wenn du sonst keinen Schutz bekommst, ja. Ein Aufschlag von 20 bis 40 Prozent ist immer noch besser als gar keine Absicherung. Bei sauberer Gesundheit zahlst du mit der vereinfachten Variante dagegen unnötig drauf.

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