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Abstrakte Verweisung in der Berufsunfähigkeitsversicherung verständlich erklärt

Von Michael BrandweinAktualisiert am 24. April 20267 Min. Lesezeit

Abstrakte Verweisung in der Berufsunfähigkeitsversicherung: was die Klausel bedeutet, warum der Verzicht Pflicht ist und wo sie zur Falle wird.

Abstrakte Verweisung in der Berufsunfähigkeitsversicherung verständlich erklärt
Inhaltsverzeichnis
  1. Was bedeutet die abstrakte Verweisung konkret?
  2. Der Verzicht: wonach du in den Bedingungen suchst
  3. Wo es wirklich gefährlich wird: alte Verträge und Sondergruppen
  4. Abstrakt gegen konkret: der Unterschied, der über Geld entscheidet
  5. Was die Gerichte dazu sagen
  6. Zwei Sätze, die du in deinem Vertrag finden solltest

Ein Maler aus Niederbayern, Mitte vierzig, kam vor ein paar Jahren mit einem Ablehnungsbescheid zu mir. Bandscheibe kaputt, über Kopf streichen ging nicht mehr, soweit unstrittig. Der Versicherer zahlte trotzdem nicht. Begründung: Der Mann könne ja in einem Baumarkt Kunden zu Farben beraten. Ob er dort jemals einen Job bekommen würde, interessierte niemanden. Es reichte, dass es solche Stellen theoretisch gibt. Genau das ist die abstrakte Verweisung in der Berufsunfähigkeitsversicherung, und sie hat diesem Mann beinahe seine Rente gekostet.

Sein Vertrag stammte aus dem Jahr 1998. Hätte er ihn fünfzehn Jahre später abgeschlossen, wäre der Fall in zwei Sätzen erledigt gewesen.

Was bedeutet die abstrakte Verweisung konkret?

Die Idee dahinter klingt aus Sicht des Versicherers fast vernünftig. Berufsunfähig ist nach den Bedingungen, wer seinen zuletzt ausgeübten Beruf voraussichtlich auf Dauer zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kann. Wenn du wissen willst, wann die Berufsunfähigkeitsversicherung überhaupt greift, gehört diese 50-Prozent-Schwelle zum Grundwissen. Mit der abstrakten Verweisungsklausel hängt der Versicherer einen Zusatz dran: Du bist nur dann berufsunfähig, wenn du auch keinen anderen Beruf ausüben kannst, der deiner Ausbildung und Erfahrung entspricht und deinen bisherigen Lebensstellung wahrt.

Das entscheidende Wort ist “ausüben kannst”, nicht “ausübst”. Der Versicherer muss dir keine Stelle besorgen. Er muss dir nicht einmal nachweisen, dass du eine bekommst. Es genügt, dass solche Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt existieren. Ob 200 Bewerber auf eine Stelle kommen, ob du mit 52 und kaputtem Rücken überhaupt eingestellt wirst, spielt rechtlich keine Rolle.

Vier Bedingungen muss die Verweisungstätigkeit dabei erfüllen, daran hat sich die Rechtsprechung über Jahre abgearbeitet:

  • Sie muss deinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechen, du musst sie also ohne lange Neuausbildung ausüben können.
  • Sie darf deine bisherige Lebensstellung nicht spürbar verschlechtern, also weder beim Einkommen noch beim sozialen Ansehen einen tiefen Sturz bedeuten.
  • Du darfst in dieser neuen Tätigkeit nicht selbst wieder berufsunfähig sein.
  • Entsprechende Arbeitsplätze müssen real auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sein.

In den Versicherungsbedingungen taucht der Begriff “abstrakte Verweisung” übrigens selten wörtlich auf. Im Gesetz steht er gar nicht. Paragraf 172 Absatz 3 VVG beschreibt nur, dass eine andere Tätigkeit berücksichtigt werden darf, wenn die Parteien das vereinbart haben. Die Branche hat den Begriff geprägt, nicht der Gesetzgeber.

Der Verzicht: wonach du in den Bedingungen suchst

Die gute Nachricht zuerst. Im aktuellen Neugeschäft ist die abstrakte Verweisung praktisch tot. Wer heute einen ordentlichen Tarif abschließt, findet in den Bedingungen einen Satz wie: “Wir verzichten auf die abstrakte Verweisung.” Damit zählt nur noch dein zuletzt ausgeübter Beruf so, wie er konkret aussah, bevor die Gesundheit nicht mehr mitspielte.

Bei den Ratings der Analysehäuser ist dieser Verzicht inzwischen ein Mindestkriterium. Ein Tarif, der die abstrakte Verweisung noch drin hat, bekommt schlicht keine Bestnote mehr. Auch Stiftung Warentest führt den Verzicht als eines der wichtigsten Auswahlkriterien. Von den marktüblichen Tarifen verzichtet die große Mehrheit darauf, in einer älteren Marktuntersuchung waren es etwa 37 von 59 geprüften Bedingungswerken, und seitdem ist die Quote weiter gestiegen.

Trotzdem rate ich jedem, selbst nachzulesen. Nicht im Prospekt, sondern in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen, dort meist im Abschnitt zur Definition der Berufsunfähigkeit. Worauf ich achte:

  • Steht der Verzicht klar und ohne Bedingung da, oder gilt er nur “solange Sie keiner anderen Tätigkeit nachgehen”? Letzteres ist eine versteckte Krücke.
  • Gilt der Verzicht für die Erstprüfung und für das Nachprüfungsverfahren der Berufsunfähigkeit? Manche Bedingungen verzichten beim ersten Antrag, holen die abstrakte Verweisung über die Hintertür aber bei der späteren Nachprüfung wieder hervor.
  • Gilt er auch dann, wenn du gerade arbeitslos oder in Elternzeit bist? Genau diese Lebenslagen waren früher das Einfallstor.

Wo es wirklich gefährlich wird: alte Verträge und Sondergruppen

Die Klausel ist nicht ausgestorben, sie ist nur aus dem Schaufenster verschwunden. In Millionen Bestandsverträgen aus den Neunzigern und frühen Zweitausendern steht sie weiter drin und gilt. Wer 1999 abgeschlossen und seitdem nie etwas geändert hat, trägt das Risiko bis heute.

Besonders bitter trifft es Gruppen, bei denen es keinen festen Beruf gibt, auf den man abstellen kann. Schüler, Studenten, Hausfrauen und Hausmänner, Menschen in einer längeren Phase ohne Anstellung. Hier prüfen ältere Tarife gern, ob nicht irgendeine zumutbare Tätigkeit denkbar wäre, und das ist bei jungen, theoretisch breit einsetzbaren Menschen fast immer der Fall. Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung für Studenten und beim Schutz für Schüler ist der bedingungsgemäße Verzicht deshalb noch wichtiger als beim Facharbeiter.

Mein praktischer Rat, wenn du einen Altvertrag hast: erst den neuen abschließen, dann erst über den alten nachdenken. Niemals umgekehrt kündigen. Der neue Schutz ist gesundheitsgeprüft, und mit jedem Jahr und jeder Diagnose wird er teurer oder gar nicht mehr zu bekommen. Ich habe Leute erlebt, die einen brauchbaren Vertrag wegen der besseren Verweisungsklausel gekündigt haben und dann beim Neuabschluss an einer zwischenzeitlichen Depression gescheitert sind. Das ist der schlechteste aller Tausche.

Abstrakt gegen konkret: der Unterschied, der über Geld entscheidet

Viele verwechseln die beiden Verweisungen, dabei liegen Welten dazwischen. Die Tabelle zeigt es am Maler aus dem Anfang.

Frage Abstrakte Verweisung Konkrete Verweisung
Worauf wird abgestellt? Theoretisch möglicher Beruf Tatsächlich ausgeübter Beruf
Muss der neue Job real ausgeübt werden? Nein Ja
Muss der Versicherer eine Stelle nachweisen? Nein, nur die Existenz solcher Stellen Nein, die Tatsache liegt ja vor
Beispiel Maler mit Bandscheibe Verweis auf Beratung im Baumarkt, obwohl er dort nicht arbeitet Maler arbeitet inzwischen wirklich als Baumarktberater, vergleichbares Gehalt
In guten Tarifen heute Verzicht (gut) Bleibt meist enthalten (in Ordnung)

Die konkrete Verweisung knüpft an Tatsachen an, nicht an Möglichkeiten. Wenn der Maler nach seinem Bandscheibenvorfall freiwillig umschult und tatsächlich als Bauleiter im Innendienst mit ähnlichem Einkommen arbeitet, darf der Versicherer die Leistung einstellen. Das halte ich für vertretbar, denn niemand soll BU-Rente und volles Gehalt gleichzeitig kassieren. Wichtig ist nur, dass die neue Tätigkeit der Lebensstellung wirklich entspricht. Der Akademiker als Aushilfe im Lager fällt nicht darunter.

Genau hier liegt das Missverständnis, das mir am häufigsten begegnet: Der Verzicht auf die abstrakte Verweisung schützt dich nicht davor, dass dir die Rente gestrichen wird, wenn du dir selbst einen guten neuen Job suchst. Das ist kein Schlupfloch des Versicherers, das ist die Logik der Sache. Wer das vorher weiß, plant seine Umschulung und sein Einkommen bewusster.

Was die Gerichte dazu sagen

Die abstrakte Verweisung hat den Bundesgerichtshof über Jahre beschäftigt, und die Linie ist verbraucherfreundlich geworden. Der Versicherer muss im Streitfall eine konkrete Vergleichstätigkeit benennen und darlegen, wie sie zu deiner früheren Lebensstellung passt. Pauschale Verweise wie “irgendwas im Büro” reichen nicht. Er muss zeigen, welche Aufgaben anfallen, welches Einkommen üblich ist und dass deine Gesundheit das hergibt.

Beim Einkommen hat sich in der Praxis eine grobe Schwelle eingebürgert: Ein Einkommensrückgang von mehr als rund 20 Prozent gilt regelmäßig als spürbare Verschlechterung der Lebensstellung, sodass die Verweisung scheitert. Eine feste gesetzliche Grenze ist das nicht, aber als Orientierung brauchbar. Das soziale Ansehen zählt mit, eine Verweisung “nach unten” lassen die Gerichte nicht durchgehen.

Für die Praxis heißt das: Selbst bei einem Altvertrag mit abstrakter Verweisung ist nicht alles verloren. Der Versicherer trägt die Beweislast für die Verweisungstätigkeit, und diese Hürde ist hoch. Der Maler aus Niederbayern hat seine Rente am Ende bekommen, weil der Versicherer die Baumarktberatung weder beim Gehalt noch bei der körperlichen Belastung sauber begründen konnte. Es hat ihn allerdings ein Jahr Nerven und einen Fachanwalt gekostet.

Zwei Sätze, die du in deinem Vertrag finden solltest

Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann diese: Hol dir deine Versicherungsbedingungen und suche den Abschnitt zur Definition der Berufsunfähigkeit. Du suchst einen Satz, der sinngemäß lautet “Auf die abstrakte Verweisung wird verzichtet”, und du suchst, ob er ohne Einschränkung gilt, auch im Nachprüfungsverfahren und auch bei Arbeitslosigkeit.

Findest du ihn nicht oder steht dort ein “soweit” oder “solange”, dann hast du einen Tarif aus einer anderen Zeit. Lass ihn von jemandem prüfen, der die Bedingungen liest und nicht den Prospekt, und schließ den besseren Vertrag ab, bevor du am alten irgendetwas anrührst. Den Unterschied merkst du nicht heute. Du merkst ihn an dem Tag, an dem die Gesundheit nicht mehr mitmacht, und dann ist es zu spät, ihn noch zu ändern.

Häufige Fragen

Was bedeutet abstrakte Verweisung in der BU?+

Mit einer abstrakten Verweisung darf der Versicherer die Rente verweigern, wenn du theoretisch einen anderen, vergleichbaren Beruf ausüben könntest. Ob du diesen Beruf tatsächlich ausübst, spielt keine Rolle. Es reicht, dass eine passende Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt existiert und deiner Ausbildung sowie deinem bisherigen Lebensstandard entspricht.

Was ist der Unterschied zwischen abstrakter und konkreter Verweisung?+

Bei der abstrakten Verweisung genügt die theoretische Möglichkeit eines anderen Berufs. Bei der konkreten Verweisung muss der Versicherte diesen anderen Beruf bereits tatsächlich ausüben. Fast alle guten Tarife verzichten auf die abstrakte Verweisung, behalten sich die konkrete aber vor. Das ist auch in Ordnung, weil sie nur an reale Tatsachen anknüpft.

Verzichten heute alle Versicherer auf die abstrakte Verweisung?+

Im Neugeschäft ja, fast ausnahmslos. In aktuellen Topptarifen ist der Verzicht auf die abstrakte Verweisung Standard. Gefährlich sind alte Verträge aus den Neunzigern und frühen Zweitausendern sowie einzelne Billigtarife, die den Verzicht nur unter Bedingungen aussprechen. Den genauen Wortlaut findest du in den Versicherungsbedingungen, nicht im Werbeprospekt.

Kann der Versicherer mich trotz Verzicht auf einen Bürojob verweisen?+

Nicht abstrakt, aber konkret. Wenn du nach Eintritt der Berufsunfähigkeit tatsächlich einen neuen Job annimmst, der deiner Qualifikation und deinem früheren Einkommen entspricht, kann der Versicherer die Leistung über die konkrete Verweisung einstellen. Wer also umschult und vergleichbar verdient, sollte das mit Blick auf die Rente kennen.

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